Responsive Kooperation

Prof. Dr. Benjamin Davy

Prof. Dr. Benjamin Davy Den Ausgangspunkt für die Kooperationsforschung von Städteregion Ruhr bildete die Theorie der rationalen Kooperation. Dieser Ansatz, der auf der Spieltheorie aufbaut, ist vor allem durch das Modell des Gefangenendilemmas bekannt geworden. Rationale Kooperation bedeutet, daß egoistische Akteure, die ihren Vorteil maximieren wollen, dann kooperieren, wenn sie voneinander abhängig sind: Player A bekommt nur dann, was sie will, wenn Player B auf Player A gewisse Rücksicht nimmt (und umgekehrt). Rationale Kooperation funktioniert, wenn die beteiligten Akteure wissen, was sie wollen, wenn sie egoistisch handeln und wenn vollständige Information herrscht. Alle drei Bedingungen sind (wie sich im Zuge der Forschungsarbeit bei "Städteregion Ruhr 2030" herausstellte) in der Praxis der Ruhrgebietsstädte nicht erfüllt.

Ruhr 2030 "Städte" sind keineswegs Akteure, die genau wissen, was sie wollen (und dementsprechend handeln). "Städte" sind vielmehr das Ergebnis einer Vielzahl von Interessen und Einschätzungen, die in sich oft recht widersprüchlich und manchmal schwer nachvollziehbar sind. Das Verhalten der Städte kann auch nicht ohne weiteres als "egoistisch" bezeichnet werden; vielmehr vertreten städtische Akteure oftmals Standpunkte, bei denen es nicht um das Nützliche, sondern um das Gute geht. Eigensinn ist häufig nicht Egoismus, sondern Weltanschauung. Und schließlich findet das Verhalten von Städten zumeist vor dem Hintergrund weitreichender Informationsmängel statt. Das hat zum Teil ganz pragmatische Gründe (z.B. Fehlen einer Zeitung, die ruhrgebietsweit über die Entwicklungen in den Städten - und nicht bloß in Stadtteilen - berichtet; Informationszurückhaltung als kommunalpolitische Strategie).

Prof. Dr. Benjamin Davy Viel geeigneter als eine Theorie der rationalen Kooperation hat sich daher eine Theorie der polyrationalen Kooperation erwiesen, die der gleichzeitigen Präsenz unterschiedlicher Werthaltungen und Weltbilder besser Rechnung tragen kann. Solche Unterschiede sind nämlich nicht bloß Interessenunterschiede. Es sind unterschiedliche Wege, dem eigenen Denken und Handeln sowie der jeweiligen Umgebung einen eigenen Sinn zu geben. Dieser Eigen-Sinn kann für Kooperation genutzt werden. Dafür ist wichtig, daß die Inszenierung von Kooperation den beteiligten Akteuren erlaubt, ihren Eigen-Sinn beizubehalten. Wer im Rahmen einer Zusammenarbeit gezwungen wird, seine Weltanschauung und Eigensinnigkeiten aufzugeben, wird vor eine Identitätskrise gestellt, die möglicherweise als existenzbedrohend empfunden wird.

Responsive Kooperation läßt unterschiedliche Rationalitäten und Werthaltungen zu. Responsive Kooperation nutzt durch den flexiblen Umgang mit Grenzen die soziale Energie, die in unterschiedlichen Rationalitäten liegt. Die Beteiligten werden ermutigt, sich zu ergänzen (anstatt sich bloß zu tolerieren). In den Leitbildern der Städteregion Ruhr wird dies unter anderem auch durch die Konkurrenz der Ideale und die Kultur der Differenz unterstützt.


Ruhrstadt (Vortrag) (115 KB)


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