Wohnclubbing: Es wird niemanden überraschen, daß man in Gelsenkirchen in restaurierten Zechensiedlungen den bergmännischen Lifestyle nahezu idealtypisch ausleben kann; und daß man in Mülheim, Bochum, Oberhausen und Essen allenthalben Plazas und Campi vorfindet, verwundert angesichts der überall in Europa stattfindenden Mediterranisierung des öffentlichen Raums ebenfalls nicht mehr; ungewöhnlich ist aber schon, wenn im Ruhrgebiet ostafrikanisch, nordkoreanisch, argentinisch oder japanisch gewohnt und gelebt werden kann. Wilfried, Anna, Paul und Kim sind allesamt moderne Nomaden (global hoppers), deren Heimat nicht mehr an einen konkreten Ort gebunden sein kann. [...]
Flach Wohnen und lang leben: Die Großstadt ist nicht mehr modern - das umstrittene Postulat des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, das er im Kontext seiner Utopie vom guten Leben in einer Broadacre City formuliert hat, ist in der Wirklichkeit - zwischen Dortmund und Duisburg - längst und auf eine neue Art angekommen. Die Städteregion Ruhr ist eine der großen Metropolregionen, die - wenn auch nicht ganz freiwillig - die modernen Eigenschaften des Nicht-Mehr-Großstädtischen am ehesten erkannt und weiterentwickelt haben. Hier kann man, von Autobahnen, U-Bahn-Linien, Magnetbahntrassen und Flugkorridoren umgeben, auf ideale Weise ein vorstädtisches (oder besser: nachstädtisches) Leben in großzügigen Cottages mit weitläufigen Gärten führen, Pferde und Hühner halten, Schafe und Truthähne züchten. [...] Unités - Wohnen im Großen und Ganzen: Die Pentimenti der Städteregion Ruhr: Seine Vergangenheit, seine historischen Zukunftsentwürfe haben nicht nur dieses beträchtliche Reservoir an Brachflächen und Zwischenräumen hervorgebracht, das nun irgendwo zwischen der Alten Stadt und dem Alten Land neu besiedelt werden kann. Die Städteregion ist darüber hinaus voll von baulichen Großformen, wirklich großen Gebäuden, die ihre ursprünglichen Bestimmungen längst verloren haben (Maschinenhallen, Wassertürme, Kraftwerke, Gasometer, aber auch Bürotürme, Kirchen, Hallenbäder und Kaufhäuser). Sie sind manchmal Landmarken und Symbole des Städtischen, ohne die das Ruhrgebiet für viele nicht mehr begreifbar ist; manchmal sind sie aber auch einfach nur groß, monströs. [...] Inselleben: Im Ruhrgebiet gibt es Räume, die man nur sehen kann, wenn man neu sieht. Neues sehen erfordert also zunächst neues Sehen; verändert sich die Perspektive, aus der man betrachtet, und verschiebt sich der Rahmen dessen, in dem man betrachtet, dann tauchen diese Neuen Räume auf. Daß die Städteregion im Norden eine die meisten der Ruhrgebietsstädte verbindende Insel (ein Long Island) besitzt, erkennen die Menschen der Region erst, seit sie die Perspektive der einzelnen Stadt (Gelsenkirchen, Herne, Oberhausen, Castrop-Rauxel etc.) verlassen und die regionale Dimension des Bereichs zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal sehen. Zur Insel wird dieser Bereich aber auch erst dann, wenn Emscher und Kanal nicht als lineare Wasserwege zwischen Dortmund und Duisburg, sondern als räumliche Begrenzungen ihres Dazwischen, als Rahmen gesehen werden: Die Insel hat nun ihren Strand - und ein ihr gegenüberliegendes Festland. Erst von diesem Zeitpunkt an gibt es diese Insel.
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