Die Tautschen Gewänder

Dirk Haas

Ruhr 2030 Es war der Architekt Bruno Taut, der vor einhundert Jahren - im Frühlicht der Ersten Moderne - seine Vision vom Neuen Bauen für den Neuen Menschen auf ganz eigensinnige Weise beschrieb: Künftig, so Taut, werde es darum gehen, mit jedem Neuen Haus ein Gewand für die Seele zu bauen. Ein Haus als Gewand für die Seele - auch heute noch fasziniert ein solches Zukunftsbild des Neuen Bauens, weil sein unbändiger, fast spiritueller Optimismus so sehr viel weiter reicht als die meisten problemorientierten Debatten zur Zukunft des Wohnens, die in den vergangenen Jahrzehnten auch im Ruhrgebiet geführt wurden. Dabei ist noch nicht einmal Tauts Vision vom Neuen Menschen (und seiner Neuen Seele) das eigentlich Bemerkenswerte - die Rede von der Neuen Baukunst für einen Neuen Menschen in einer Neuen Welt war seinerzeit fast allgegenwärtig. Es ist seine Idee vom Nutzen und vom Sinn eines Neuen Hauses als Neuem Gewand, die heute vielleicht noch mehr überzeugt als vor einhundert Jahren. Gewänder dienen immer weniger dem Schutz und der Umhüllung des Körpers, sind also kaum noch bloße und funktionsgerechte Bekleidung, sondern sie fungieren - und dies mehr als je zuvor - als Insignien vielfältigster Lebensstile und selbstgewählter Identitäten: Sie umhüllen die Seelen der (Neuen) Menschen.

Ruhr 2030 Wie sehr dies auch für Häuser, Siedlungen oder städtische Räume (als Gewänder im Tautschen Sinne) gilt, erfährt man heute kaum besser als in der Städteregion Ruhr: Die Vielfältigkeit des Ruhrgebiets und seiner Menschen, Lebenswelten, Styles, Sinne und Strukturen (seiner Seelen) zeigt sich in der Vielfalt neuer und überraschender Wohnformate (den Gewändern), die man in dieser im herkömmlichen Sinne ganz und gar nicht metropolitanen Region bislang kaum vermutet hat. [...] Welche neuen Gewänder - für Alte und für Neue Seelen - ein solches Ruhrgebiet mittlerweile hat, zeigt ein Streifzug durch die Lebenswelten zwischen Dortmund und Duisburg: Lebenswelten von Kim, Henri, Ruth, Carl, Anna, Luis und all den anderen, die sich in den letzten Jahren für - und nicht gegen - die Städteregion Ruhr entschieden haben.

Wohnclubbing: Es wird niemanden überraschen, daß man in Gelsenkirchen in restaurierten Zechensiedlungen den bergmännischen Lifestyle nahezu idealtypisch ausleben kann; und daß man in Mülheim, Bochum, Oberhausen und Essen allenthalben Plazas und Campi vorfindet, verwundert angesichts der überall in Europa stattfindenden Mediterranisierung des öffentlichen Raums ebenfalls nicht mehr; ungewöhnlich ist aber schon, wenn im Ruhrgebiet ostafrikanisch, nordkoreanisch, argentinisch oder japanisch gewohnt und gelebt werden kann. Wilfried, Anna, Paul und Kim sind allesamt moderne Nomaden (global hoppers), deren Heimat nicht mehr an einen konkreten Ort gebunden sein kann. [...]

Ruhr 2030 Airport City: Nicht alle neuen Bewohnerinnen und Bewohner in der Städteregion Ruhr sind jedoch auf der Suche nach (Neuen) Heimaten; hier wohnen auch Menschen, die von jedwedem Local Spirit, und sei er auch importiert, verschont bleiben wollen. Moira (35) und Henri (27) sind solche Menschen, die zwar hier wohnen, aber dennoch nicht hier ankommen wollen. Ihr Wohnsitz ist AirportCity, ein Modellstadtteil im Umfeld des Dortmunder Flughafens. AirportCity ist zwar auf dem Stadtgebiet Dortmunds gelegen, hat ansonsten aber wenig Anknüpfungspunkte an das herkömmliche Dortmund - sieht man einmal von den zahlreichen Arbeitsplätzen in AirportCity für die Bevölkerung in der Region ab. [...]

Flach Wohnen und lang leben: Die Großstadt ist nicht mehr modern - das umstrittene Postulat des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, das er im Kontext seiner Utopie vom guten Leben in einer Broadacre City formuliert hat, ist in der Wirklichkeit - zwischen Dortmund und Duisburg - längst und auf eine neue Art angekommen. Die Städteregion Ruhr ist eine der großen Metropolregionen, die - wenn auch nicht ganz freiwillig - die modernen Eigenschaften des Nicht-Mehr-Großstädtischen am ehesten erkannt und weiterentwickelt haben. Hier kann man, von Autobahnen, U-Bahn-Linien, Magnetbahntrassen und Flugkorridoren umgeben, auf ideale Weise ein vorstädtisches (oder besser: nachstädtisches) Leben in großzügigen Cottages mit weitläufigen Gärten führen, Pferde und Hühner halten, Schafe und Truthähne züchten. [...]

Unités - Wohnen im Großen und Ganzen: Die Pentimenti der Städteregion Ruhr: Seine Vergangenheit, seine historischen Zukunftsentwürfe haben nicht nur dieses beträchtliche Reservoir an Brachflächen und Zwischenräumen hervorgebracht, das nun irgendwo zwischen der Alten Stadt und dem Alten Land neu besiedelt werden kann. Die Städteregion ist darüber hinaus voll von baulichen Großformen, wirklich großen Gebäuden, die ihre ursprünglichen Bestimmungen längst verloren haben (Maschinenhallen, Wassertürme, Kraftwerke, Gasometer, aber auch Bürotürme, Kirchen, Hallenbäder und Kaufhäuser). Sie sind manchmal Landmarken und Symbole des Städtischen, ohne die das Ruhrgebiet für viele nicht mehr begreifbar ist; manchmal sind sie aber auch einfach nur groß, monströs. [...]

Inselleben: Im Ruhrgebiet gibt es Räume, die man nur sehen kann, wenn man neu sieht. Neues sehen erfordert also zunächst neues Sehen; verändert sich die Perspektive, aus der man betrachtet, und verschiebt sich der Rahmen dessen, in dem man betrachtet, dann tauchen diese Neuen Räume auf. Daß die Städteregion im Norden eine die meisten der Ruhrgebietsstädte verbindende Insel (ein Long Island) besitzt, erkennen die Menschen der Region erst, seit sie die Perspektive der einzelnen Stadt (Gelsenkirchen, Herne, Oberhausen, Castrop-Rauxel etc.) verlassen und die regionale Dimension des Bereichs zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal sehen. Zur Insel wird dieser Bereich aber auch erst dann, wenn Emscher und Kanal nicht als lineare Wasserwege zwischen Dortmund und Duisburg, sondern als räumliche Begrenzungen ihres Dazwischen, als Rahmen gesehen werden: Die Insel hat nun ihren Strand - und ein ihr gegenüberliegendes Festland. Erst von diesem Zeitpunkt an gibt es diese Insel.


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