Neue Räume

Dirk Haas

Ruhr 2030 Der in der Edition Bauhaus der Stiftung Bauhaus Dessau erschienene Band "Die Stadt als Event" behandelt sehr umfangreich, sehr reichhaltig und dezidiert transdisziplinär diejenigen Aspekte neuerer Stadtentwicklung, die vor allem im Zusammenhang mit der Konstruktion "künstlicher" urbaner Erlebnisräume und den damit verbundenen Mutationen des Städtischen stehen. [...] Für die Städteregion Ruhr kann das zweierlei bedeuten: Das Setzen auf Local Spirit ist bereits heute eine Identitätsstrategie mit nur sehr kurzer Reichweite; die Tausend Dörfer der Region sind - sobald und soweit sie in der Tat als sozialräumliche Entitäten lokaler Provenienz gemeint sind - nicht mehr als ein Auslaufmodell. Zum zweiten: Die Internationalisierung des Ruhrgebiets ist in weiten Teilen eine Transnationalisierung seiner Räume mit all den auch territorial aufgeladenen Konflikten, wie sie für eine Frontier nicht untypisch sind. Die Neunte Stadt ist aber womöglich groß genug für Tausend transnationale Heimaten, und deren "personal spaces" sind wie so vieles im Ruhrgebiet - grün.

Ruhr 2030 [...] Von der Globalisierung ist es nicht weit zur Individualisierung - nicht nur bei Beck (Beck 2001), sondern auch bei Lootsma: Beide beschreiben beides als die gegenwärtig bedeutsamsten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse. Lootsma konzentriert sich zwar auf die Zusammenhänge von Individualisierung und Urbanismus; er tut dies aber, ohne deren vielfältige kulturelle Implikationen außer acht zu lassen. [...] Für die "Meta-Stadt" der Städteregion Ruhr, die Neunte Stadt, ist dieser Ansatz deshalb so interessant, weil hier der Blick, der das Gemeinsame, das Gleichartige einer Stadt sucht, kein topographischer Blick zu sein braucht. Es ist vielmehr genau dieser topographische Blick - auf das australische Outback, auf den Farbnebel aus braunen und grünen Flecken im Ruhrgebiet -, daß den Gedanken an eine "Stadt" zunächst so abwegig erscheinen läßt. Stadt wird also künftig gar nicht wie Stadt aussehen müssen, sie braucht keine Straßen, sie braucht keine Telefonleitungen, sie braucht keine Kirchen, sie braucht aber eine Idee von Gleichartigkeit und eine andere, eine "höhere" Form von Infrastruktur.

Ruhr 2030 [...] Die Stadt der Heterotope bzw. Heterotope im Städtebau - im Bewußtsein, daß es sich um Heterotope Foucaultscher Lesart handelt - sind in den letzten Jahren immer wieder in den Diskussionen um einen neuen Urbanismus aufgetaucht. Explizit als tragender Bestandteil von Sanierungs- und Urbanisierungsstrategien sind sie am Beispiel von Berlin und hier insbesondere in den Großsiedlungen im Osten der Stadt untersucht und erprobt worden - bis hin zu einem städtebaulichen Rahmenplan, der zum "Heterotopenplan" geworden ist: "Der Heterotopenplan legt die Heterotope, ihre Lage und Dimensionen, ihr räumlich-architektonisches Thema, ihre Nutzung fest" (Brenner 1995, 87). [...] Die Kategorie der regionalen Räume ist zwar eine erste Annäherung, ein Anfang in der neuen Hierarchie der Räume im Ruhrgebiet. Aber schon der Umfang und die noch fehlenden architektonisch-städtebaulichen Strategien zur Gestaltbildung dieser Räume machen deutlich, daß die eigentliche Aufgabe, strategische Orte der Neunten Stadt zu identitätsstiftenden Heterotopen zu entwickeln, so gesehen noch gar nicht begonnen hat; Heterotope im übrigen - das zeigt auch der Planungsansatz im Berliner Osten -, die ganz bestimmt auch gestaltbildende (also: avantgardistische) Implantate Neuen Wohnens sein sollten.

Ruhr 2030 [...] Die Zukunft des Wohnens ist ein in regelmäßigen Turni immer wieder aufgefächertes Thema, dessen aktuelle Themenschwerpunkte sehr gut im Band wohn:wandel der Schader-Stiftung aufbereitet sind. [...] Sein [Walter Siebels] Einwurf, daß die Frage nach Segregation viel zu explizit aus der Sicht der Einheimischen diskutiert wird, führt ihn zu der Einschätzung, daß Mischung - als Form von Integration gemeint - durchaus den gegenteiligen Effekt erzielt: "Mischung zerstört informelle Netze bzw. behindert deren Aufbau und schwächt damit die ökonomische, die soziale und die psychische Stabilität" (Schader-Stiftung 2001, 239). Für ihn funktionieren ethnisch segregierte Viertel als Brückenköpfe transnationaler Heimaten, die als solche für eine gelingende Integration in ein größeres Ganzes vielfach unverzichtbar sind. Und er weist eindrücklich darauf, daß die Frage von Segregation und Mischung auch und gerade ein Frage gesellschaftlicher Fairneß ist: Das, was man den oberen Einkommensschichten des Ruhrgebiets ohne weiteres und ohne jede Einschränkung zubilligt - die freiwillige Segregation - darf dem Neuankömmlingen in der Städteregion Ruhr nicht verwehren.


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