Forschungsraum Ruhr

Dirk Haas

Ruhr 2030 [...] Das Werk von André Corboz ist eine schier unerschöpfliche Quelle überraschender Ideen zum Verhältnis von Stadt und Land, von Analyse und Intuition, von Wissenschaft und Kunst. Im Kontext dieses Beitrags sind mindestens zwei Aspekte, die in Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen nahezu überall durchscheinen, besonders wichtig: Es sind Aspekte, die sowohl das Methodische als auch das Inhaltliche dieses Impulsbeitrags betreffen. Corboz arbeitet mit Techniken, die im Vorwort seines Buches als "Amplifikation" und "Reduktion" (Corboz 2001, 7) beschrieben werden und gleichzeitig große Ähnlichkeit mit dem von CHORA/ Raoul Bunschoten formulierten "Framing" (CHORA 2001, 161) aufweisen: [...]. Ein für die Städteregion Ruhr sehr interessantes Ergebnis solcher Techniken ist die Entdeckung des Territoriums als Palimpsest (Corboz 2001, 143). [...]

Einseles Aufsatz aus den 60er Jahren ist in vielerlei Hinsicht symptomatisch, aber auch beispielgebend für den politisch-planerischen Umgang mit dem "Phänomen ,Ruhrgebiet' " (Einsele 1963, 50). [...] Anders als viele andere, die sich auch heute noch an Ruhrstadtdiskussionen beteiligen, manifestiert Einsele in seiner Ruhrstadt-Konzeption einen expressiven städtebaulichen Gestaltungswillen: Die "Superstadt an der Ruhr und Emscher" ist nicht nur groß und institutionell vereinheitlicht, sondern sie stellt eine vollständige Neuordnung des Raumes dar. Einseles Ruhrstadt wäre also in Corboz' Verständnis ein neuer (und ein langer!) Text für das Ruhr-Palimpsest. [...]

Ruhr 2030 Der Band Metropolen. Laboratorium der Moderne ist ein Kompendium unterschiedlicher Perspektiven auf die Frage, was künftig von den Metropolen zu erwarten sei - vor allem solcher Metropolen, die nicht bereits als Global Cities ihren Platz in der ranking list der Metropolen gefunden haben. [...] Weil man den Metropolen-Status nicht einfach beschließen oder per Gesetz verordnen kann, ist der Metropolen-Diskurs auch immer ein Entwerfen von Leitbildern und ein Ringen um erfolgreiche Imagestrategien; er ist also auch immer eine Form von Zukunftsgestaltung. [...]

Es ist vor allem das Manifest einer Generic City (Koolhaas 1995, 1238-1264), einer Stadt ohne Eigenschaften, das sehr neue Überlegungen zu einem Selbstverständnis und daraus resultierenden Entwicklungsstrategien enthält. Auf den ersten Blick ist Koolhaas' Generic City eine Negation all dessen, was gemein hin als Voraussetzung einer schönen Stadt gilt: Identität, Vielfalt, Geschäftigkeit, Stadtbaukunst, Regelhaftigkeit, Geschichte, Planung. [...] Die Stadt ohne Eigenschaften hat aber nicht nur dieses Gespenstische, sondern etwas fundamental Befreiendes: der Verzicht auf Identität - "Down with Character!" (Koolhaas 1995, 1248) - macht den Weg frei, die Stadt für völlig neue Dinge zu öffnen. Der Verzicht auf Geschichte erlaubt es, die Stadt radikal den gegenwärtigen Bedürfnissen und Anforderungen entsprechend zu nutzen. Der Verzicht auf Planung macht es möglich, daß alles überall existieren kann: Ein Wolkenkratzer im Vorort, im Reisfeld, in der Stadtmitte (die allerdings kein Zentrum ist). Die Stadt ohne Eigenschaften ist also eine Stadt, die ohne den Möglichkeitssinn nicht auskommt. Sie kann - beabsichtigt oder nicht - letztendlich als Gesellschaftsentwurf gelesen werden: Wie weit ist es vom Mann ohne Eigenschaften über die Stadt ohne Eigenschaften zur Gesellschaft ohne Eigenschaften?


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