Thesen für die Städteregion Ruhr

Dr. Regina Bormann

Schalke-Kid [...] Die Zukunftsfähigkeit der Städteregion liegt in einer Integrationskraft, die sie schon in Zeiten von Kohle und Stahl immer wieder bewiesen hat, und die ein entscheidender Attraktivitätsfaktor der Zukunft sein wird: Raum zu bieten für unterschiedliche Menschen mit vielfältigen Identitäten, Erwartungen, Wünschen und Lebensentwürfen; Raum zu geben für individuelle Initiative und Gestaltungswillen; Vielfalt und Experiment als Chance zu begreifen. Dies alles ist möglich, weil die Städteregion Ruhr eine besondere Raumgestalt aufweist. Sie ist sowohl urban als auch ländlich, sie bietet Erholung und Spannung, dörfliche und metropolitane Quartiere, traditionales Wohnen in der Siedlung und neues Wohnen in neuen Formen. Sie hat Platz für Grün und auch für neue Konsumtempel; sie hat viel Platz für künftige Projekte auf Restflächen und Brachen. Diese Vielfalt macht sie auch in sozialer und kultureller Hinsicht zur Region der 1000 Möglichkeiten. [...]

Schalke-Kid [...] Die Bilder und Texte der Plakatserie illustrieren implizit die Vorstellungen des Leitbilds einer "Kultur der Differenz". Bilder und Texte zielen auf das folgende Fazit ab: Die Identitätspolitik der künftigen Städteregion Ruhr berücksichtigt die Tatsache, daß das bloße Vorhandensein einer "regionalen Identität" im Sinne eines fixen, stabilen Images nicht zwangsläufig zu positiven Effekten führt. Eine zu dezidierte symbolische Festlegung der Region auf bestimmte Eigenschaften kann sich vielmehr als Zwangskorsett erweisen. Zwar dienen unverwechselbare Identitäten wie sie verkürzt in Bezeichnungen wie "Pott" oder "Revier" zum Ausdruck kommen, der Identifikation im Sinne von Kennen und Wiedererkennen. Die Betonung einer spezifischen Identität bedeutet aber vor allem Einschränkung, Beschränkung und Festlegung. Dies ist gerade mit Blick auf relativ mobile, gut ausgebildete, kulturell vielseitig orientierte Bevölkerungsgruppen (also diejenigen, die man in der Region halten oder anziehen möchte) eine bedenkliche Strategie. Identität dient eben nicht nur der Vergemeinschaftung, sondern sie kann auch auf subtile Weise das Gegenteil erreichen und symbolischen Ausschluß signalisieren.

ruhr 2030 Die Identitätspolitik der künftigen Städteregion Ruhr lehnt Symboliken wie "Der Pott" oder "Das Revier" als unflexible, eher unattraktive Labels ab. Sie haben außerdem das Handicap, im Ausland und in anderen Sprachen kaum nachvollziehbar zu sein. Ein solches branding betreibt die Fortschreibung von Symboliken untergegangener oder randständig gewordener Lebens- und Arbeitsformen. Es bietet daher keine geeignete Identifikationsplattform für neue Lebensstilgruppen oder für Menschen unterschiedlichster regionaler, kultureller oder sozialer Herkünfte. Eine weltoffene, zukunftsfähige Region muß Symbole finden (und natürlich auch den dazugehörigen lebensweltlichen Hintergrund bieten), in denen sich die westfälische Handwerksmeisterin und der aus Stuttgart abgesandte Konzernmanager, der indonesische Student, der Gelsenkirchener Existenzgründer, die polnische Altenpflegerin, das Herner Seniorenpaar und die Düsseldorfer Familie oder der Leipziger IT-Spezialist gleichermaßen wiederfinden. Allzu festgelegte Identitäten sind für Menschen, die gelernt haben, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, zu unflexibel, signalisieren nicht die Fähigkeit zum Wandel, zum Aufgreifen des Neuen, gar zum Visionären. Zudem ist die Geschichte, wie sie durch Bilder vom "Revier" beschworen wird, nicht mehr die kollektive Geschichte aller Bevölkerungsteile. Schalke-Kid Viele sind zugewandert oder kommen aus ganz anderen Milieus. Eine solche Identität mag zur sozialromantischen Kulisse für touristische Angebote oder zum ästhetischen Hintergrund für kulturelle Events dienen - und selbst in diesem Kontext wird sie auf Dauer langweilig. Sie taugt sicher nicht zum Symbol für heutige oder gar künftige Lebenswirklichkeiten. Derartige historische oder milieuspezifische ("Kumpel") Fixierungen von Identitäts-Bildern bergen die Gefahr von Musealisierung, von Stillstellung der Zeit. Gefragt sind aber heute Bilder von kultureller und wirtschaftlicher Kreativität und Bilder von individuellen und gesellschaftlichen Möglichkeitsräumen.


Identitätsspuren (Volltext) (165 KB)

Plakatserie Region der 1000 Möglichkeiten (1,3 MB)

Paradoxe Identiäten (Volltext) (90 KB)


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