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Tausend Heimaten
Bernhard Bleckmann: Ich glaube, was diese Menschen verbindet, oder wie ich es zumindest im Moment sehe, ist, daß die Menschen hier im Ruhrgebiet eine sehr hohe Fähigkeit entwickelt haben, Problemlösungs-Strategien für ihr Leben zu improvisieren. Die Problemlage im Ruhrgebiet ist so riesig, und das schult die Menschen offensichtlich immer irgendeine Lösung zu finden. Kadir Kaplan: Das ist in einem Ortsteil von Gelsenkirchen, die Straße heißt Hördeweg. Wir sind seit knapp 30 Jahren auf der Anlage. Jeder hat sich eine Hütte gebaut, Hühner oder andere Tiere angeschafft. Was hier nicht so besonders ist, daß das hier eine Ecke ist, die man nicht versichern kann, und hier ist schon so viel abgelaufen. Zum Beispiel, daß die Buden angesteckt worden sind, deshalb können wir nicht so besonders bauen und haben das deshalb einfach hier gemacht. Das sieht jetzt wahrscheinlich blöd aus, aber man ist immer zufrieden mit dem was man hat. Für mich ist das hier ein Paradies. Vor dem Kamin sitzen, man kommt aus dem Streß raus, wie Urlaub sag ich mal. Zwischenzeitlich gehe ich zu meinen Tieren, streichle sie, lasse sie laufen. Wenn man das so sieht, ist das Erleichterung für einen. Andreas Schulze Bäing: Städtische Landwirtschaft ist in den Städten extrem wichtig. Es war hier über lange Jahr auch in den Siedlungen sehr wichtig und es gibt nach wie vor hier Nutzungen. Es gibt Kleingartenanlagen, es gibt türkische Grabeländer. Kadir Kaplan: Für mich ist das Erlösung. Meine Mutter ist lange Zeit auch nicht hier gewesen. Sie müssen mal im Juni, Juli hier vorbei kommen, wenn der Garten blüht, die Kräuter duften, alles grün ist, dann ist man wie im Paradies. Was ist denn der Hintergrund, wenn man so eine Laube gebaut hat. Sieht nicht wie 4-Sterne Hotel aus, aber man fühlt sich gut darin. Muß nicht was Nobles sein, man kann sich auch mit Kleinigkeiten zufrieden stellen. Man muß ja auch mit den Ärmeln greifen, was man packen kann. Can Malatacik: Wenn wir davon reden, daß die Peripherie, die Grenzräume, die Räume, die benachbart zueinander sind, besser genutzt werden sollen, ist es nicht auch ein Gefahr für solche Flächen? Andreas Schulze Bäing: Rechtlich sind diese Flächen auf einer sehr vagen Grundlage. Man darf nur einjährige Pflanzen haben, es kann die Fläche gekündigt werden. Vielleicht kann da eine neue Form entwickelt werden. Irgendwo zwischen dem sehr stark formalisierten deutschen Kleingarten und den Grabeländern, daß man solche Flächen auch schützt und Potential darin sieht. Häufig sind diese Orte ja an Ecken, wo Grenzen zusammentreffen, wo unklar ist, wem gehört was. Kadir Kaplan: Es läuft jetzt seit drei Jahren, daß die Fläche einfach abgerissen werden soll. Die Stadt hat die Planung gemacht, ohne uns zu informieren. Wenn wir das vorher gewußt hätten, hätten wir uns mit der Stadt in Verbindung gesetzt. Die Stadt hat das Thema abgeschlossen. Da werden Bäume gepflanzt als Ausgleich für das Schalker Stadion. Dieter Baum: Ein Hauptaufgabengebiet für die Region sehe ich darin, die auseinander driftende Gesellschaft, Themen wie Segregation, ein Stück weit abzumildern. Kadir Kaplan: Im Hintergrund steckt etwas anderes, denke ich mir. Denn hier sind in der Mehrheit, cirka 70 türkische Familien. Das hängt von der Politik ab, daß die uns einfach hier rausschmeißen. Benjamin Davy: Was aber das wirklich Besondere, Bemerkenswerte an dieser Städteregion Ruhr im Jahr 2030 ist, das ist die Konfliktfreiheit, die Gelassenheit, fast Nachlässigkeit, mit der die unterschiedlichsten Lebenspläne in der Städteregion verwirklicht werden können. Kadir Kaplan: Wo sollen die Leute jetzt bleiben. Sie können nicht jeden Tag in die Stadt laufen. Die wissen gar nicht, was sie jetzt noch machen sollen. Hinterm Haus hat man ja nicht so Möglichkeiten eines Gartens. In der Stadt ist ja alles zugebaut. Benjamin Davy: Das was die zum Territorium gewordene Postmoderne der Städteregion Ruhr ausmacht, das ist gerade ihr Fähigkeit, gleichzeitig ganz unterschiedliche Werte, Vorstellungen, Lebenspläne nicht nur zuzulassen, ja geradezu zu fordern und intensiv zu nutzen. Menschen, die hierher kommen, und Menschen, die hier leben, die wird das faszinieren. |
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