|
Turbulente Harmonien
Benjamin Davy: Wie sollen sich Städte verhalten, die voneinander wegen ihrer räumlichen Nähe oder aus anderen Gründen im hohen Maße abhängig sind? Zwei Städte sitzen Rücken an Rücken und sie haben zwei Verhaltensmöglichkeiten: zu kooperieren oder nicht zu kooperieren. Welches Ergebnis dabei zum Beispiel für die Stadt A herauskommt, hängt nicht nur davon ab, wie sich die Stadt A verhält, sondern auch davon, wie sich die Stadt B verhält. Dieter Baum: Also Kooperation ist eigentlich etwas, was im Alltag als Planer immer eine Rolle spielen sollte, weil man alleine - und das fängt im Grunde mit den eigentlichen Aufgaben an - nie zurecht kommt, man braucht immer die Kooperation, die Teamarbeit und die bleibt natürlich nicht in der eigenen Stadt oder im Stadtteil stecken, sondern man muß sie auch über die Stadtgrenzen hinaus denken. Dirk Haas: Aber wenn Kooperation bedeutet, ich zeige immer den Smiley und zwar von 2002 bis 2030, dann entsteht nicht die Dynamik, die wir brauchen. Tana Petzinger: Das hat nichts mit Wettbewerb zu tun, sondern das ist der Spaß, den du hast, wenn du den anderen übers Ohr haust. Wenn du in dem Moment den größeren Vorteil hast, yes, ich habe ihn übers Ohr gehauen. Andreas Schulze Bäing: Das würde ja heißen, daß Kooperation zu langweilig ist. Dirk Haas: Also ich fände es zu langweilig, das Spiel so zu spielen, wie es sich offensichtlich rechnen würde. Kamilla Kanafa: Vielleicht ist das Geheimnis der Kooperation, sie nicht zu langweilig zu gestalten und das heißt Möglichkeiten einzubauen, auch bewußt Wettbewerb auszuleben. Andreas Schulze Bäing: Genauso wichtig wie die Suche nach Kooperationsfeldern, ist die Akzeptanz von Eigensinn. Dirk Haas: Deshalb glaube ich, daß man nicht nur Kooperation in dieser Region inszenieren muß, sondern auch den Eigensinn inszenieren muß. Tana Petzinger: Langfristige Kooperation der Städte im Ruhrgebiet kann es nur geben, wenn die Städte einen Sinn in der Kooperation sehen, und diesen Sinn erfahren sie über gemeinsame Aufgaben, über Gemeinschaftsaufgaben. Michael von der Mühlen: Es gibt natürlich so das Spannungsverhältnis vom Mut zur Kooperation und Angst vor Kooperation. Die Angst vor Kooperation kann man vielleicht dann haben, wenn man den Eindruck hat, man kommt auf die Verliererseite und der Partner hat Erfolge, die man lieber gerne selber hätte. Ich glaube, daß so eine Angst vor Kooperation die vergangenen Jahrzehnte teilweise zumindest mitbestimmt hat. Benjamin Davy: Unter den Bedingungen wechselseitiger Abhängigkeit bin ich auf andere angewiesen. Ich muß mich entgegen diesen anderen entweder durchsetzen, sie unterwerfen, oder ich muß mit ihnen zusammenarbeiten. Wenn ich schlau bin, wenn ich egoistisch bin, dann werde ich unter den Bedingungen wechselseitiger Abhängigkeit nicht die Konfrontation suchen, sondern die Kooperation. Klaus Selle: Wenn man etwas bewegen will, ist dies von Bedeutung; also nur wer kooperiert, kann heute Dinge bewegen. Regina Dreßler: Ich denke die Ressourcen der einzelnen Kommunen werden immer weniger, das erfahren wir alle Tage täglich, und ich bin davon überzeugt, daß ohne Kooperation in Zukunft die einzelne Kommune nur schwer überleben kann. Horst Zierold: Also ich sehe eigentlich eins der wichtigsten Aufgabengebiete darin, daß wir das Ruhrgebiet positionieren, auch im internationalen Wettbewerb. Ich sehe einen ganz engen Zusammenhang zwischen dieser Positionierung und der Arbeitslosigkeit, bzw. positiv gesagt der Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen. Klaus Selle: Man muß die Region nach Außen tatsächlich erkennbar machen. In Zeiten der Globalisierung ist es unverzichtbar, daß man als Unternehmen, als Akteur, wo auch immer man steht, eine Adresse hat und die Adresse kann nicht Katernberg lauten und sie wird auch außerhalb des Ruhrgebiets kaum noch Essen lauten können. Regina Dreßler: Wenn wir uns als Region nach Außen hin darstellen wollen und auch versuchen wollen, das Ruhrgebiet oder die Städteregion Ruhr 2030 in Gänze nach Außen hin positiv darzustellen, kommen wir um eine Kooperation eigentlich nicht herum. Tana Petzinger: Die aufgabenorientierte Kooperation ist der Eigensinn der Region. Regina Dreßler: Es wird, so denke ich, ein paar Zukunftsbilder geben, die werden wir nicht umgesetzt bekommen. Zwangsläufig, weil ja auch wir immer noch in einem laufenden Prozeß sind und auch in den nächsten 30 Jahren noch ein Wandel vonstatten geht. Insgesamt aber glaube ich, daß mit diesen Zukunftsbildern die Region eben die Möglichkeit hat, sich eine gemeinsame Linie oder ein gemeinsames Ziel zu setzen, wo man auch gemeinschaftlich dran arbeiten kann. Michael von der Mühlen: Das können solche interkommunalen Gewerbegebiete sein. Das können grenzüberschreitende Zusammenarbeiten sein, wo wir deutlich machen, daß wir uns in gemeinsame Bindungen hinein begeben, aber dadurch auch neue Qualitäten schaffen. Beim Wohnen, im Kulturbereich, im Verkehrsbereich von mir aus auch, aber auch darin, daß wir verhindern, daß schädliche Konkurrenzen entstehen. Der eine mit seinem großflächigen Einzelhandel an der Stadtgrenze dem anderen sein Stadtteilzentrum kaputt macht. Unterm Strich werden letztlich beide davon profitieren. Wolfgang Reiniger: Was wir sind, ist eine Städteregion. Das ist für mich der richtige Begriff, der deutlich macht, worauf es uns ankommt, wo wir kooperieren müssen. Wir sind ja auch demonstrativ, plakativ in München auf der EXPO Real als Städteregion Ruhr aufgetreten. Michael von der Mühlen: Ich plädiere einfach dafür, daß wir Projekte finden, an denen wir konkret solche Zusammenarbeit dokumentieren und an denen wir konkret auch nachweisen können, daß alle dran profitieren. Dann wird der Mut zu Kooperation steigen, und dann werden sich diese Grenzen, die ja von Befürchtungen geprägt sind, teilweise verflüchtigen. Regina Dreßler: Ich denke sowieso, daß Planungen, wenn sie gut entwickelt werden, nicht unbedingt auf Grenzen stoßen sollten. Wenn zwei, drei oder auch fünf Kommunen, die eben grenzbezogen nah beieinander liegen, gemeinschaftlich eines der Projekte, also zum Beispiel gemeinsame, übergreifende Gewerbegebiete zu entwickeln, bearbeiten wollen, sollten sie das auf jeden Fall machen. Das sollten sie nutzen, genauso wie sie alle Projekte, die aneinander grenzen und die von der Zielsetzung gleichermaßen verfolgt werden können, zusammen entwickeln sollten. Ira Janzen: Die Städte brauchen einen Rahmen, der den unterschiedlichen kommunalen Gesichtern ihre regionale Kontur verleiht, und dieser Rahmen sind die Spielregeln für die interkommunale Zusammenarbeit. Regina Dreßler: Es wird nicht immer unbedingt in der Praxis so funktionieren, wie man sich das jetzt vorstellt, weil man da eben auch intern auf Grenzen stößt, auf politische Grenzen, auf Eigentumsgrenzen oder was auch immer, aber grundsätzlich halte ich es für richtig, daß man eben grenzübergreifend solche Großprojekte angeht. Klaus Tenfelde: Kooperation wird vor allen Dingen dann viel bringen, wenn sie mit dem Ziel Synergieeffekte zu nutzen, Doppelstrukturen, Vielfachstrukturen und Konkurrenzstrukturen überwindet, die völlig unnötig sind, die historisch gewachsen sind und wegen der Besonderheit der kommunalen Selbstverwaltung auch ständig re-legitimiert werden, ständig erneuert werden, weil jede Stadt für sich natürlich das Beste zuerst will. Regina Dreßler: Es ist im Moment auch völlig egal, wer profitiert da mehr von, weil ich denke, die Region selbst profitiert am meisten davon. Auch insbesondere die Bürger dieser Region und natürlich alle, die da irgendwie mit dran hängen. Ob die einen dann mehr, jetzt als Beispiel, in Oberhausen sitzen oder mehr in Mülheim oder in Essen sitzen, denke ich, sollte bei dem Projekt, das ist jetzt etwas idealistisch gesprochen, aber doch stärker außen vor gelassen werden. Das würde ich mir einfach wünschen. Das ist genauso, wie mit dem Versetzen des Gartenzauns. Muß der wirklich genau auf der Grenze sitzen oder kann er auch mal einen Meter nach rechts oder links gehen. Kamilla Kanafa: Worauf kann man denn die Schwierigkeiten bei der Kooperation zurückführen, wenn nicht auf den ausgeprägten Eigensinn? Ira Janzen: Möglicherweise ist es auch ein mangelndes Selbstbewußtsein. Die Tatsache, daß viele Aufgaben außer Haus vergeben werden ... es besteht auch die Tendenz externe Moderation einzubeziehen oder Gutachten extern bewältigen zu lassen, daß in solchen Momenten statt auf internes Potential zurückzugreifen, das natürlich zuvor entwickelt werden muß, wird auf Externe zurückgegriffen, die dann aber auch insgesamt keinen umfassenden Einblick in den Prozeß haben. Also meine These ist: Es fehlt den Städten an Selbstbewußtsein. Ira Janzen: Kooperation kann zur Ausbeutung führen. Kooperation ist nicht per se erwünscht. Das heißt, man muß gucken, ob man durch Zusammenarbeit auch tatsächlich Vorteile generieren kann. Kooperation ist für mich ein ganz wichtiges Instrument um zu kommunizieren, das heißt, in der Kooperation muß ich versuchen, die Interessen der anderen herauszufinden und daher ist Kooperation für mich einerseits eine Art und Weise überhaupt erst einmal die Unterschiede und Qualitäten herauszufinden. Regina Dreßler: Wie fandest Du denn die heutige Arbeitsgruppen-Sitzung? Carsten Tum: Na ja, nicht so doll. Regina Deßler: Ich finde das gesamte Projekt wirklich gut. Ich finde es gut, daß habe ich auch auf der Klausurtagung festgestellt, daß so eine Vielzahl von unterschiedlichen Leuten, mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen politischen Hintergründen, die sie von ihrer Stadt mitbekommen und auch vertreten müssen, daß sie es geschafft haben, an einen großen Tisch zu kommen und wirklich über zweieinhalb Jahre diesen Prozeß wirklich aktiv begleiten. Und im Grunde denke ich, daß die Gruppe auch stark genug ist, den Prozeß wirklich mit einem positiven Ende zu versehen. |
|