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Wilde Grenzen
Der Marktplatz, auf dem wir hier sind, ist auf jeden Fall Teil von so einer Frontier-Idee, man könnte sich auch so ne Atmosphäre wie im Wilden Westen, Goldgräberstadt vorstellen; das sind ja eigentlich alle Pioniere, die hier sind, man hört das hier auch, daß das so ein Sprachenwirrwarr ist, Deutsch ist mit Abstand die am seltensten gesprochene Sprache. Und die haben alle etwas hinter sich gelassen, etwas verlassen, sind über eine Grenze gegangen, ob die nun nationalen Charakter hat oder persönlichen, das läßt sich aber auch bei Aus- oder Einwanderung nicht immer sagen. Jetzt sind diese Pioniere, diese ganzen Kulturen, hier versammelt, im "Improvisorium", hier trifft man sich, um Handel zu treiben. Dieses Nichts haben, keine oder wenig Möglichkeiten haben, aber es machen! Irgendwie! Und wenn es vom Laster gefallene Apfelsinen oder verrostete Türklinken sind, egal, wenn drei verkauft sind, hat es sich schon gelohnt. Und das ist so ne Stimmung, die ich förderlich finde, auch für meine Identität als Künstler. Benjamin Davy: Diese Vorstellung einer Frontier zwischen Rhein, Ruhr und Emscher, das ist es, was eigentlich das Bemerkenswerte an der Städteregion Ruhr ausmacht. Die Frontier, das ist der Raum, der Möglichkeiten bietet, der herausfordert, der aber auch voller Gefahren ist und voller Risiken. Christoph Dettmeier: Der Frontiercharakter des Ruhrgebietes macht einmal für mich persönlich aus, daß ich als Künstler keine Grenzen gesetzt bekomme. Hier ist es eher so, daß man wirklich das Gefühl hat Pionier zu sein und ich kann hier einfach mal Gas geben. Und die Reflektion des Ganzen, die kommt dann später. Benjamin Davy: Ich fände es unwahrscheinlich überzeugend, wenn eine Region sagt - so wie ich mir erhoffe, daß es die Städteregion Ruhr tun wird: Hey Leute, bei uns gibt es Möglichkeiten. Ihr wißt was mit Eurem Leben anzufangen, ihr habt Ideen? Kommt her! Hier werden euch die Möglichkeiten eröffnet, hier habt ihr die Möglichkeiten, eure Ideen durchzusetzen. Christoph Dettmeier: Aber dieses Charismatische muß ja nicht immer dadurch entstehen, daß es so was Altes, Morbides ist. Im Gegenteil: das kann genauso dadurch entstehen, daß gerade etwas Neues, das noch nicht so gewurzelt hat, entstanden ist. Dadurch kann auch so ein freies Charisma entstehen. Das hat man ja oft, daß viel weggebaggert wird, viel weggesprengt wird, daß was Neues entstehen soll, und dieser Moment, wo das Alte so gerade weg ist, wo man es gerade noch sieht, das Neue aber noch nicht da ist, man kann es aber schon erahnen, daß das Neue kommen wird, ohne das jetzt bewerten zu wollen, ob das Neue jetzt positiv ist und das Alte negativ oder umgekehrt; In diesem Moment kann man hier wirklich sehr viele, sehr schöne Sachen finden. Und auch da entsteht so der leere Raum. Manche Leute finden das halt in den Alpen, wenn sie abends auf einer Alm sitzen und über die Weite hinweg gucken und sich an dem Himmel über den Bergen erfreuen ... Ich find das halt hier! Auch 'ne ähnlich Stille, und mit Stille meine ich jetzt eher, das ist eher atmosphärisch gemeint, nicht akustisch, denn leise ist es hier nie. Aber so ein monotones Autobahnrauschen, was so ein bißchen von dem weiter entfernten gelegentlichen Geplänker von den Kränen hier gebrochen wird, das hat mit dieser Optik zusammen für mich ne große Qualität, die so Gemälde von Casper David Friedrich haben. Ist schon ne extrem romantische Veranstaltung für mich. Dirk Haas: Als ich das erste Mal Möglichkeitsraum und Möglichkeitssinn gehört habe, hatte ich das Gefühl: Ja, das ist so was wie das Ecstasy dieses Projektes, das trägt von Anfang bis zum Ende, das törnt einen immer wieder an, das trägt nachhaltig. Christoph Dettmeier: Wir sind hier in einer Gegend vom Ruhrgebiet, die eigentlich so `ne typische schwimmende Grenze ist. Das gehört wohl noch zu Essen, ist aber eigentlich schon Oberhausen, aber irgendwie auch wieder Bottrop. Und jetzt hat es sich dahin entwickelt, daß die Straße zumindest zur Hälfte in der Hand von Schwarzafrika ist. Weiter hinten leben Polen in so Baracken, die wahrscheinlich in der Woche arbeiten und am Wochenende nach Polen fahren und das ganze Gebiet ist von zwei Eisenbahnlinien eingeschlossen. Wenn man über diese Gleise rübergeht und zwar egal in welche Richtung, ist man mitten im kleinbürgerlichsten Normalruhrgebiet. Ein Freund von mir kommt hier aus der Ecke, seine Eltern wohnen zwei Straßen weiter, und der hat gesagt: Ich bin mir todsicher, die wissen gar nicht, daß hier Afrikaner leben, obwohl die 50 Meter hiervon wohnen. Das ist wirklich so 'ne Welt für sich. Auch da ist nichts vom Nebeneinander zu spüren und das ist etwas, was im Ruhrgebiet einzigartig ist. Diese Parzellen, die so nebeneinander existieren, die Grenzen sind eigentlich gar nicht hermetisch, aber trotzdem existiert das so nebeneinander. Kamilla Kanafa: Durch den flexiblen Umgang mit Grenzen werden Barrieren abgebaut und neue Möglichkeiten erschlossen. Hierfür Strategien zu finden, zu entwickeln, einzusetzen, das nennen wir Möglichkeitsmanagement. Benjamin Davy: Das ist die Stelle, an der das Ruhrgebiet auf gewisse Weise sein Herz hat ... Hier kommen die drei Regierungsbezirke zusammen, hier treffen die Regierungsbezirke Münster, Düsseldorf und Arnsberg aufeinander, hier zeigt sich eigentlich, was an Vielzahl an Grenzen im Ruhrgebiet, in der Städteregion Ruhr zu sehen ist. Kooperation ist die Voraussetzung dafür, daß wilde Grenzen genutzt werden können. |
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