Essays und Visionen
|
Dr. Regina Bormann
|
Der Wunsch nach visionärem Denken und die Forderung nach wissenschaftlicher Verifizierbarkeit und "Objektivität" schließen sich aus. Das Visionäre ist Element anderer Sprachspiele, läßt sich nur mittels anderer Rationalitäten erfassen - Traum und Wahnsinn, Religion oder Kunst sind solche Bereiche, in denen nach unserem westlichen Verständnis Visionen ihren Platz haben. Nach soziologischem Verständnis bilden diese Bereiche in der westlichen Moderne Funktions- oder Kommunikationssysteme mit eigenen Regeln. Diese Systeme oder diese Rationalitäten sind Erkenntnisweisen. Jeder Kulturkreis (wir wollen der Einfachheit halber für dieses Beispiel einen westlichen Kulturkreis als Einheit postulieren) hat seinen privilegierten Ort der Sinnstiftung, der Bedeutungsbildung. Seine Logik besitzt die als legitim angesehene verbindliche Deutungsmacht für die gesamte Gesellschaft. In der westlichen Moderne ist dies noch immer die Wissenschaft - wenn auch durch allerlei "turns" erkenntnistheoretischer Natur ihre Führungsrolle nicht mehr unbefragt ist. Unser Projekt "Städteregion Ruhr 2030" hat sich darauf verständigt, für unser spezifisches Anliegen auch eine andere Rationalität als gleichberechtigte Erkenntnisweise anzusehen, nämlich die ästhetische. Wie sonst ließen sich Visionen gewinnen oder überhaupt darstellen? Aber die Notwendigkeit eines anderen, außerwissenschaftlichen Zugangs zu den Fragestellungen ergibt sich auch aus der polyrationalen, aus der hybriden, komplexen, widersprüchlichen, sich der Klassifikation entziehenden Verfaßtheit vieler unserer Untersuchungsgegenstände. Dazu gehört vor allem auch die Frage der Raumgestalt: Was ist überhaupt die Städteregion Ruhr und was soll sie sein? Eine große Stadt? Viele Städte? Was für eine Art Stadt? Eine Region? Was für eine Region? Mit welchen Eigenschaften?
Die Antwort auf diese Fragen liefert der Impulsbeitrag nicht in Form eines wissenschaftlichen Genres, sondern in literarischer Form. Das literarische Genre des Essays schien besonders geeignet, von komplexen Theorien abgeleitete Leit-"Bilder" zu vermitteln. Das Essay fordert zwar ein bestimmtes Maß an wissenschaftlicher Fundierung und Seriosität, erlaubt aber die Verwendung einer metaphorischen Sprache. Und die Vieldeutigkeit der Metapher ist das geeignete Medium, um die Vieldeutigkeit des Gegenstands begreifbar zu machen - und das, ohne sich auf eine bestimmte "Sprache" festzulegen, die nicht alle der Adressaten zu verstehen in der Lage wären. [...]
[weiter...]
Zum Ansehen von PDF-Dokumenten benötigen Sie den kostenlosen Adobe Acrobat Reader.